Freitag, 11. August 2017

HENNES POKALE DFB - Pokal

Saison 2002/2003 Viertelfinale

"Holger, wenn der Klaus morgen Früh was schneller arbeitet, kannst du ihm dann ab Mittag freigeben? Wir fahren zum Pokalspiel nach München!"
Irgendwie merke ich direkt, dass Holger meine Frage weder ganz verstanden noch so richtig ernst genommen hat. Anders kann ich mir sein "okay" nicht erklären.
Es ist Anfang Februar 2003. Wir befinden uns im tiefverschneiten Harz. Klaus ist mein Arbeitskollege, Holger so etwas wie unser Chef. Zumindest hat er in dieser Firma für Outdooraktivitäten mehr zu sagen als wir.
Klaus ist Münchner und, wie es sich für einen richtigen Mingara gehört, Fan des TSV 1860 München. Zwischen Bierchen drei und vier hatte ich ihn am Vorabend davon überzeugt, mit mir zum DFB-Pokal Viertelfinale FC Bayern München - 1. FC Köln zu fahren. Im Verlauf der bisherigen Saison hatte es noch keiner gewagt, uns, den FC Köln zu schlagen. Dementsprechend war es ein Duell der Spitzenreiter. Die Bayern in Liga eins, die Kölner in Liga zwei. "Klausi, die nehmen uns doch gar nicht ernst! Die hauen wir weg! Ecke Springer, Kopfball Lottner, Tor."
Am nächsten Mittag klopfe ich an Holgers Bürotür. "Klaus, fertig? Los geht es!" "Wohin?", fragt Holger irritiert. "Mensch Holger, das hab ich dir doch gestern lang und breit erklärt. Wir fahren jetzt nach München. Zum Pokal!" "Nach München? Ich dachte ihr wollt irgendwo nach Goslar!" "Holger, was sollen wir denn in Goslar? Heute ist Pokal! Wir fahren da jetzt hin, gucken das Spiel, fahren zurück und morgen um neun sitzt der Klaus wieder hier bei dir im Büro. Ist doch alles super! Oder?"
"Haut ab, ihr Spinner!"
Eine gute Stunde später saßen Klaus und ich im Radebergerexpress Hannover - München.
In Nürnberg stieg ein weiterer Spezl von uns ein. Roman, Franke aus Bamberg, seines Zeichens eingefleischter Glubberer. Ihn hatten Klaus und ich in der Nacht noch telefonisch davon überzeugt, dass es absolut keinen Sinn macht am Pokalabend für sein Studium zu lernen, wenn man gleichzeitig Augenzeuge einer wahren Pokalsensation werden kann. Da Roman alles andere als auf den Kopf gefallen ist, leuchtete ihm dies auch sofort ein. Weiter ging die Fahrt zu dritt und wie immer bester Laune.
Die Tickets kauften wir direkt am Olympiastadion. Das war kein Problem. Der Gästeblock war mit 8000 Kölnern gut gefüllt. Für jeweils fünf Euro gewährte man uns den Zutritt. Die Südkurve der Bayern war vielleicht halb so voll wie die Nordkurve. Dazu verloren sich noch insgesamt 1000 Zuschauer im restlichen Stadion. 13.000 Zuschauer in dieser riesigen Schüssel, gähnende Leere! "Was ich sage. Die nehmen uns nicht ernst! Die hauen wir weg!", war meine tiefste Überzeugung.
Das Spiel wurde angepfiffen und bereits nach 7 Minuten gingen die Bayern 1:0 durch Giovane Elber in Führung. "Das ist super! Frühes Tor. Jetzt werden die lässig. Die denken doch jetzt schon, das ist gelaufen!", wertete ich den Gegentreffer als sicheres Siegeszeichen.
In der 20. Minute folgte das 2:0 durch Hargreaves. Zehn Minuten später erzielte der junge Typ mit diesem dämlichen Namen Schweinsteiger sein erstes Tor für den FC Bayern. Zeit drüber nachzudenken blieb nicht. Wiederanstoss Köln, schneller Ballverlust, Elber 4:0! Nur 65 Sekunden nach dem 3:0.
Für einen kurzen Moment wurde es mucksmäuschen still im Block.
Daher konnte man auch gut vernehmen, was eine kleine Gruppe im nächsten Moment anstimmte: "Denn wenn et..." Wie eine Befreiung, wie der zur Erlösung führende Urknall stimmten alle, wirklich alle mit ein, "...TRÖMMELCHE JEHT, DANN STONN MER ALL PARAT. UN MER TRECKE DURCH DE STADT UN JEDER HÄTT JESAAT, KÖLLE ALAAF, ALAAF. KÖLLE ALAAF!"
Und so ging es weiter, ohne Unterlass, das ganze restliche Spiel über. Karnevalslieder als Pfeifen im Walde. Eins nach dem Anderen. Klassiker auf Klassiker, das große Repertoire.
Irgendwann kam der Schlusspfiff, die Anzeigetafel verkündete 8:0 für Bayern München. Unsere Spieler wollten vom Platz trotten, wir ließen sie nicht, "WIR WOLL'N DIE MANNSCHAFT SEHEN!" Etwas zögerlich, nicht wissend ob wir sie verarschen wollen, kamen sie zu uns. Um dann zu spüren, wir meinten das ernst. Wer am Boden liegt braucht keinen weiteren Tritt, der braucht ein weiches Kissen. Wir gaben es Ihnen. Inklusive Decke gegen die Kälte.
"Sportlich absolute Katastrophe, menschlich 1A. Meine Güte seid ihr bescheuert!", war die treffende Spielzusammenfassung, der Herren Klaus und Roman. Wie als Beweis dafür, dieses Spiel, diese Tour, wirklich erlebt zu haben unterschrieben wir uns gegenseitig unsere Eintrittskarten. "Ich würd's wieder tun! Klaus" und "Danke für den legendären Fußballabend! Mit sportlichem und freundschaftlichem Gruß, Roman", sind das Liebste was mir an Männerkomplimenten je zuteil wurde.

Klaus saß am nächsten Tag wirklich um 9 Uhr wieder 400 km weiter nördlich in Holgers Büro. Dieser hatte ein Einsehen und schickte ihn um 9:15 ins Bett mit der Bitte, erst am nächsten Tag wiederzukommen.
Für mich ging das Spiel ein paar Wochen später in die Verlängerung. Karnevalsfreitag in der Hitdorfer Schützenhalle. Andreas Rettig, damaliger FC Manager - kein schlechter, hinterließ den Verein schuldenfrei - feierte Fastelovend in seinem Heimatdorf. Am Bierstand stand er neben mir. Ich denk, sagste mal was.
"Das ist übrigens ganz okay, was du so machst.", informierte ich ihn.
"Bist du FC Fan?" fragt er darauf.
"Ein bisschen."
"Ein bisschen gibt es nicht!"
"Ich war in München!"
"Beim null zu acht?"
"Jepp!"
"Hier!" sprach Rettig und stellte sich wieder in der Schlange an, um sich ein neues Bier zu holen. Sein frisches war in meine Hand gewandert.

8:0 paar Bayern sind auch da.


Bildquelle: Sören Stache / dpa Bildfunk

Kommentare:

  1. "Springer auf Lottner", großartig!
    Ich bin das erste Mal auf diesem Blog und dieser Bericht über ein Spiel, an das ich mich allzu gut erinnere (hängende Köpfe und Galgenhumor im Chlodwig-Eck), ist das Beste was ich seit langem gelesen habe.
    Dankeschön und weiter so!
    Grüße aus K-Ehrenfeld,
    Till

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    1. Hallo Till,
      vielen Dank für die Blumen. Tja, es sind die Storys die unterm Strich hängen bleiben. Grüße noh Ihrefeld! Bleib mir gewogen.

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7. November 2017